Früherkennung weiterdenken: Hautkrebs
Heller Hautkrebs ist die häufigste Krebsart in Deutschland, schwarzer Hautkrebs ist oft tödlich, doch die Früherkennung steht auf dem Prüfstand. Hautärztin Prof. Carola Berking diskutiert, ob die Sterberate der einzige Maßstab ist, wie besonders gefährdete Personen zur Früherkennung motiviert werden können und wie KI künftig unnötige Operationen vermeiden kann.
Frau Prof. Berking, das Hautkrebs-Screening stand kürzlich im Zentrum einer aktuellen Debatte: Eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission hatte empfohlen, das Screening auszusetzen bzw. zu überprüfen. Als Begründung führte sie fehlende Evidenz für eine Senkung der Sterblichkeit durch Hautkrebs an.
Es nicht wegzudiskutieren, dass niemand beweisen kann, dass das Screening Leben rettet. Doch Hautkrebs ist nicht Haupttodesursache unter den Krebsarten: Pro Jahr sterben rund 4.500 Menschen in Deutschland an Hautkrebs, 3.000 davon am Melanom. Aber: Heller Hautkrebs ist der häufigste Krebs überhaupt, häufiger als Lungenkrebs und Darmkrebs zusammen – und er nimmt weiter zu. Die Frage ist: Bemisst man die Effektivität des Screenings allein an der Senkung der Todesrate? Oder wollen wir auch auf andere Kriterien schauen? Zum Beispiel, dass frühere Stadien entdeckt werden, die zwar kleinere Operationen erfordern und kleinere Narben hinterlassen, aber dafür langfristig die Lebensqualität der Menschen verbessern?
Zusätzlich schafft Screening Awareness, denn gerade beim Hautkrebs gehört ja Aufklärung dazu, wie Sie sich vor den gefährlichen UV-Strahlen schützen können. Und dadurch auch weniger Falten bekommen und ein jugendlicheres Aussehen erhalten. Bei jungen Leuten wirken übrigens UV-Schutz-Kampagnen, die auf Faltenfreiheit setzen, besser als solche, die den Hautkrebs thematisieren.
Sollte es also so bleiben, wie es ist?
Ich sehe die Kritik, ganz klar. Aber das Hautkrebs-Screening ist eine einfache und relativ günstige Untersuchungsmethode, die zunächst keine Schäden verursacht. Auch die Belastung der eventuell folgenden Operationen ist überschaubar. Wenn es nur darum geht, die Todesrate zu senken, könnte man ein risikobasiertes Screening nur für das Melanom gestalten, das sähe etwas anders aus als für den gesamten Hautkrebs.
Welche Risikofaktoren sind speziell für das Melanom relevant?
Für beide Krebsarten ist der Hauttyp relevant sowie auch die Sonnenexposition und die Anzahl der Sonnenbrände. Beim Melanom kommt noch die Familienanamnese hinzu sowie vor allem die Anzahl der Pigmentmale, die stark mit dem Erkrankungsrisiko korreliert. Ein Melanom-Screening müsste früher im Leben starten, da es häufig auch schon bei jüngeren Menschen auftritt, während der helle Hautkrebs ein Krebs des höheren Alters ist.
Wer geht zum Hautkrebs-Screening? Oft nicht diejenigen, die es müssten!
Prof. Dr. Carola Berking, Direktorin der Hautklinik im Universitätsklinikum Erlangen
Viele der beim Screening als verdächtig eingestuften Läsionen stellen sich als harmlos heraus – wurden also unnötig operiert. Hier liegt auch Potenzial für Einsparungen?
Unnötige OPs hängen stark mit der Qualität des Untersuchers zusammen. Ich bin optimistisch, dass KI-gestützte Geräte in Zukunft wertvolle Unterstützung beim Befunden leisten können. Solche Geräte sind schon in der Entwicklung, z.B. am Deutschen Krebsforschungszentrum, wo ein KI-gestütztes Dermatoskop in der Erprobung ist.
Und andere Bildgebungsverfahren?
Die „Line-Field optische Kohärenztomographie“, kurz LC-OCT, erkennt besonders gut Basalzellkarzinome, und zwar KI-unterstützt. Das ist ein schon relativ anerkanntes nicht-invasives Bildgebungsverfahren, das oft die Entnahme von Gewebeproben vermeiden kann. Es sind noch einige andere Bildgebungsverfahren in der Entwicklung, vor allem für das Melanom. Davon ist noch keines ausgereift, aber einige davon könnten helfen. Generell ist aber zu bedenken, dass die Kosten für den Einsatz all dieser Geräte beim Screening nicht von den Kassen übernommen werden. Für Menschen mit besonders vielen Muttermalen sind auch die Ganzkörper-Scanner interessant, die alle Male in einem Bild erfassen. Allerdings fehlt dafür im Moment noch die geeignete KI-Lösung zur Auswertung.
Mit knapp 30 Prozent sind die Teilnahmeraten am Hautkrebs-Screening bislang recht niedrig – woran liegt das?
Verständlich, denn es gibt keine Einladung. Wer geht dann zum Screening? Oft nicht diejenigen, die es müssten, sondern eher gesundheitsbewusste Frauen, die ohnehin schon auf UV-Schutz achten. Wer aber nicht kommt, sind die in der Sonne arbeitenden Männer oder ältere Menschen – und das wären gerade die Gruppen, bei denen wir Hautkrebs vermuten.
Die finanziellen Mittel im Gesundheitssystem sind begrenzt: Wie würden Sie das Hautkrebs-Screening organisieren, um den größten gesundheitlichen Nutzen für die Bevölkerung zu erzielen?
Ich würde für ein organisiertes risikobasiertes Screening plädieren: Mit etwa Anfang dreißig wird jeder angeschrieben oder vom Hausarzt angesprochen, seinen persönlichen Risikoscore zu bestimmen, ganz einfach, am besten direkt ins Handy einzutippen. Höchstens zehn Fragen: Hauttyp, Sonnenexposition, Familienanamnese, Anzahl Muttermale – ich würde noch die berufliche Sonnenexposition dazu nehmen. Anhand des Ergebnisses wird das Screening adaptiert und die Person bekäme automatisch eine Einladung. Ein hoher Risikoscore würde bestimmt so manchen Screening-Muffel dazu bewegen, die Untersuchung doch wahrzunehmen – das wäre ein wünschenswerter Nebeneffekt!
Prof. Dr. Carola Berking ist Direktorin der Hautklinik im Universitätsklinikum Erlangen sowie 2. Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.
Interview: Dr. Sibylle Kohlstädt, Pressesprecherin DKFZ